Rechtssicherheit ist zentraler Erfolgsfaktor für Integration in den Arbeitsmarkt

Fachtag des Netzwerkes Alle an Bord! zur Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten am 20. Mai 2019 in Kiel findet große Resonanz

 

Über 150 Interessierte aus Politik, Verwaltungen, Betrieben, Integrationsfachdiensten und der Flüchtlingshilfe folgten der Einladung des landesgeförderten Netzwerkes zur arbeitsmarktlichen Integration von Geflüchteten in Schleswig-Holstein -  Alle an Bord! ins Landeshaus in Kiel.

Thema des Fachtags waren die bisherigen Ergebnisse der Netzwerkarbeit und aktuelle Herausforderungen sowie Praxisbeispiele der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten.

 

Jede dritte Ausbildungssuche war erfolgreich

Volker Lenke von der Regionaldirektion Nord der Agentur für Arbeit machte anhand statistischer Daten deutlich, dass die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten auch in Schleswig-Holstein auf einem guten Weg ist. So hat z. B. im letzten Jahr jede*r dritte Ausbildungssuchende mit Fluchthintergrund inzwischen auch eine Ausbildung aufgenommen. Eine Herausforderung sei es aber weiterhin, die Nachhaltigkeit der Beschäftigung zu sichern. Dafür bestehe noch erheblicher Bedarf an Qualifizierung, außerdem fänden geflüchtete Frauen noch zu selten den Weg in die Arbeitswelt und in die Beratung.

Referent*innen und Auditorium waren sich einig, über den Bedarf an mehr Rechtssicherheit sowohl für Betriebe als auch für Geflüchtete, die eine Ausbildung oder Arbeit aufnehmen.

Dies bestätigte auch Mark Riemann, Inhaber von Kalle-Bäcker, einer Bäckerei-Kette in Dithmarschen, der Geflüchtete als dringend benötigte Nachwuchskräfte der Zukunft nicht nur für seine Branche sieht. Seine Auszubildende, Rita Petrosyan aus Armenien, Mutter dreier Kinder, hatte ihn zum Fachtag begleitet. Sie sei mit ihrer hohen Motivation und Verlässlichkeit ein Geschenk für den Betrieb.

Ohne die Unterstützung durch die Beratung wäre das nicht möglich“,  sagte auch Masoud Rafa aus Afghanistan, der im Sommer eine Ausbildung zum Reedereikaufmann in Hamburg beginnt. Zu unbekannt und fremd sei das hiesige Arbeits- und Ausbildungssystem für Betroffene, zu hoch die bürokratischen Hürden. Geholfen hätten ihm die Berater*innen von Alle an Bord! im Kreis Steinburg und Dithmarschen.

Eine Öffnung der Betriebe für Geflüchtete auf Suche nach Arbeit und Ausbildung ist notwendig und gewinnbringend. Dafür brauche es aber auch die Mitarbeit der Behörden und eine Klarheit über die Aufenthaltsperspektive“, erklärte hierzu Astrid Willer, Koordinatorin im Netzwerk Alle an Bord!.

Förderangebote für alle öffnen!

Auch der Beauftragte für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen des Landes, Stefan Schmidt, betonte die große Bedeutung geeigneter rechtlicher Rahmenbedingungen. Er forderte die Öffnung der Förderangebote für alle unabhängig vom Herkunftsland. „Einigeswird vom BMAS derzeit angestoßen - anderesvom BMI verschärft.“, brachte er die Widersprüchlichkeit der derzeit diskutierten Gesetzentwürfe auf den Punkt. „Die Arbeit von Beratungsstellen kann immer nur so gut sein, wie der Instrumentenkoffer der Ihnen zur Verfügung steht.“, so Schmidt.

Restriktionen, wie erweiterte Arbeitsverbote und die ‚Duldung-Light‘, die mit Vorhaben wie dem sogenannten ‚Geordnete Rückkehr-Gesetz‘ eingeführt werden sollen, behindern die Arbeitsmarktintegration und konterkarieren gute Ansätze in den Ländern. Positive Initiativen, wie die aus Schleswig-Holstein in Richtung Spurwechsel oder Weichenstellung auf Bundesebene, werden abgeschmettert.“, beklagte Martin Link, Geschäftsführer des Flüchtlingsrates Schleswig-Holstein. Gemeinsam mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband Schleswig-Holstein koordiniert der Flüchtlingsrat die Integrationsnetzwerke Mehr Land in Sicht! und Alle an Bord!.

Land fördert individuelle Beratung in der Fläche

Kerstin Ehlers, Abteilungsleiterin im Landesministerium für Wirtschaft und Arbeit, wies darauf hin, dass das Land durch die Förderung des Netzwerkes Alle an Bord! das Engagement des Bundes- und EU-geförderten Netzwerkes Mehr Land in Sicht! zunächst bis Ende 2019 ergänzt. Die spezifische und individuelle Beratung und Integrationsbegleitung für Geflüchtete in Arbeit kann so in jedem Kreis und jeder kreisfreien Stadt angeboten werden. Die große Nachfrage und die Aktivierungs- und Vermittlungserfolge bestätigen den Bedarf.  

Beratungsangebote wie von Alle an Bord! können aber nicht alleine erfolgreich sein. Die Arbeitsmarkintegration von Geflüchteten ist ein Konzert von vielen Akteuren vor Ort: Den Willkommenslots*innen der Kammern, den Kreiskoordinationen für Teilhabe und Integration, den Bildungsträgern, Migrationssozialberatungen, Ehrenamtlichen und vielen anderen.“, erklärt Tabea von Riegen, Koordinatorin im Netzwerk Alle an Bord! beim Paritätischen Schleswig-Holstein. Es gelte die Angebote gut aufeinander abzustimmen, um Synergieeffekte zu erzielen.

Die Bereitschaft zur gemeinsamen Kraftanstrengung ist auf allen Seiten da, bestätigten die Teilnehmenden der Gesprächsrunden im Rahmen der Veranstaltung.

Hohe Kooperationsbereitschaft ermöglicht Verzahnung der Angebote

So ermöglicht beispielsweise das Familienzentrum in Wankendorf dem in den Kreisen Plön und Ostholstein aktiven Projekt von Alle an Bord! (ZBBS e.V.) die Durchführung der Beratung in der Fläche und die Koordinatorin für Integration und Teilhabe im Kreis Plön braucht beide für die Durchführung einer gemeinsamen Veranstaltung für Geflüchtete und Arbeitgebende vor Ort.

Stephanie Walter vom Alle an Bord! Projekt für die Kreise Stormarn und Herzogtum-Lauenburg (HWK Lübeck) benannte allein 17 einzubeziehende Stellen bei der Unterstützung eines jungen Afghanen auf seinem Weg über die Einstiegsqualifizierung in die Ausbildung, dazu zählen auch Sozialamt, Ausländerbehörde, Arbeitsagentur, Berufsschule und Ehrenamt.

Kurze Wege, Flexibilität und Verlässlichkeit hoben Vertreterinnen der Jobcenter Flensburg und Schleswig-Flensburg als wichtige Faktoren bei der Zusammenarbeit mit dem dortigen Projekt von Alle an Bord! (IHK-Flensburg) hervor. So könne den individuellen Bedarfen der Kund*innen Rechnung getragen werden.

All dies braucht neben der direkten Beratung Zeit und Ressourcen. Dies sollte auch bei der Förderung und Ausstattung bedacht werden waren sich alle Akteure einig.

Rechtliche Rahmenbedingungen müssen verbessert werden

Dr. René Leicht vom Institut für Mittelstandsforschung bei der Universität Mannheim stellte abschließend die Praxiserfahrungen aus Schleswig-Holstein in Bezug zu bundesweiten Zahlen und Erkenntnissen und schilderte Bedarfe aus Sicht von Geflüchteten, die im Rahmen einer Studie in Baden-Württemberg erhoben wurden.

Auch hier stand an erster Stelle Rechtssicherheit als Basis für alle weiteren Bemühungen. Zu den Handlungsempfehlungen aus der Studie gehören auch die Optimierung der Arbeitsförderinstrumente, die Verzahnung von Deutschkursen mit beruflicher Weiterbildung und die Ausweitung der Informationsangebote zur beruflichen Orientierung sowie ein verstärkter Blick auf das Thema Selbstständigkeit, um nur einige zu nennen.

Die anschließende Diskussion verdeutlichte, dass es auch in Schleswig-Holstein durchaus Verbesserungsbedarfe bei Zugängen zu und Gestaltung von beruflichen Förderangeboten gibt. Die gute Vernetzung und das große Engagement seitens der Akteure bietet dafür jedoch eine gute Voraussetzung. Entscheidend sind die Rahmenbedingungen sowohl mit Blick auf die Verstetigung bewährter Angebote als auch auf die rechtlichen Vorgaben. „Wenn alle Instrumente für alle geöffnet würden, dann wäre unsere Arbeit leichter und wirkungsvoller zum Nutzen aller Beteiligten“, brachte es eine Teilnehmerin unter Beifall auf den Punkt.

Die Beiträge der Veranstaltung werden in Kürze auf unserer Webseite zur Verfügung stehen.

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